Die Untersuchungshaft: 5 Sachen, die ich von anderen Strafverteidigern gelernt habe!

vom Rubrik: Allgemeines Grundwissen, Verhaftung

Obwohl ich schon einige Jahre Strafverteidigung praktiziere, bin ich heilfroh, Kollegen wie Carsten Hoenig oder Michael Nitschke zu kennen, die schon mehr als 25 Jahre dabei sind.

Es macht Spass, während der Verhandlungspausen oder in einer Fortbildung mit ihnen in einer kleinen Kaschemme zu sitzen, über Richter (nur manchmal über Richterinnen) zu lästern und kuriose Fälle zu besprechen.

Natürlich gehört da auch gutes Essen dazu – für mich eine Art Kultur innerhalb der Strafverteidigung.

Denn was macht eine gute Strafverteidigung aus – die Menschenkenntnis, also die Erfahrung.

Haftsachen verlangen einem viel ab …

Die Untersuchungshaft (U-Haft) ist eine sehr belastende Situation. Sie ist der schwerwiegendste Eingriff in unser freiheitliches Grundrecht. Das führt dazu, dass Menschen in U-Haft so schnell wie möglich wieder in die Freiheit wollen und dafür oft bereit sind, alles von sich preis zu geben. Um Menschen in solchen Situationen gut zu führen, braucht es Einiges an Erfahrung und vor allem Geduld.

Moabit Ermittlungsrichter Dr Brucker
Vorführung vor den Ermittlungsrichter

Das Erste, was ich von den Kollegen gelernt habe ist:

Kleine Dinge, um den Alltag angenehmer zu machen, helfen, den Inhaftierten zu beruhigen.

Dahinter verbergen sich ganz kleine aber immens wichtige Problemfragen:

  1. Wen darf ich anrufen und wer kann mich besuchen?
  2. Was ist mit meiner Familie zu klären?
  3. Was passiert mit meiner Arbeit oder meinem Unternehmen?
  4. Was ist mit meiner Wohnung?
  5. Wo bekomme ich Zigaretten her?
  6. Darf ich meine privaten Sachen anziehen?
  7. Kann ich mir Pakete mit Nahrungsmitteln schicken lassen?
  8. Darf ich ein eigenes TV-Gerät haben?
  9. Darf ich meinen eigenen Arzt kommen lassen?
  10. Wie kann ich Dinge im Gefängnis kaufen?
  11. Wieviel Geld darf ich im Gefängnis haben?

Diese persönlichen Fragen und noch viele mehr, schwirren im Kopf herum.

Aber das Schlimmste …

Einsamkeit in der Haft – das Bedürfnis nach dem Reden!

 

Das Zweite, was ich von den erfahrenen Kollegen gelernt habe:

Einsamkeit im Knast führt zur Redseligkeit.

Und die sollte man bekämpfen. Es dient dem Schutz, wenig zu reden.

Was kann man also gegen die Einsamkeit tun? Denn sie bringt Angst mit sich.

  • Ein Sozialgespräch führen (es ist sogar ein gesetzlicher Anspruch)
  • Einen Antrag auf Arbeit stellen
  • Gesammelte Besucherscheine für nahestehende Personen beantragen lassen
  • Über die Sache selbst immer nur mit seinem Anwalt oder seiner Anwältin sprechen
  • Einen Antrag auf Einzelhaft stellen

Lassen Sie sich von Angehörigen und Freunden besuchen. Sie haben das Recht, alle zwei Wochen für 30 Minuten Besuch zu empfangen. In Berlin finden diese in den Räumen der JVA Moabit statt. Dafür benötigt jeder Besucher einen Sprechschein („Sprecher“), den man dann beantragen kann, sobald das Aktenzeichen des Strafverfahrens vergeben ist. Die Vergabe des Aktenzeichens kann ein paar Tage dauern. Mit dem Sprechschein müssen Sie dann eine Besuchszeit mit der JVA vereinbaren. In Berlin vereinbart man den ersten Besuch telefonisch unter der Nummer 030 9014 5535. Erreichbarkeit von montags bis donnerstags in der Zeit von 9 und 17 Uhr und freitags zwischen 9 und 13 Uhr. Sonn- oder Feiertags sind Besuche nicht möglich.

Sie können gleichzeitig zu einem Besuch 3 Personen empfangen, wobei jeder einen eigenen Sprechschein haben muss. Nur Kinder bis 14 Jahre brauchen keinen Sprechschein!

Das Dritte, was ich von Kollegen gelernt habe:

Beruhige Deinen Mandanten und seine Familie

Untersuchungshaft Dr Brucker
Gefängnis in Berlin-Moabit

Es gibt nichts Schlimmeres, wenn dem Inhaftierten von der Polizei oder Staatsanwaltschaft irgendwie vermittelt wurde: also, wenn Du gar nichts sagst, wirst Du auf jeden Fall in Haft kommen oder bleiben.

Dann vermuten die Festgenommenen einfach, wenn ich jetzt rede, werde ich wieder rauskommen. Man steht im ersten Moment der Inhaftierung ziemlich unter Schock. Dabei ist es egal, ob man schon etwas älter ist und viel Lebenserfahrung hat, ob man klar im Kopf ist oder unter Rauschmitteln steht.

Viele glauben daher, dass Reden die einzige Verteidigungsmöglichkeit ist!

Das Reden wird auch Einlassung genannt! Und leider ist es ein Trugschluss, dass dies die einzige Verteidigung ist. Denn oftmals verfestigt man die Haftgründe der Staatsanwaltschaft und diese kann später vor Gericht damit punkten.

Man redet sich dabei oft um Kopf und Kragen

Es ist deshalb besser, sich erst einmal zu beruhigen und zu akzeptieren, dass einige Zeit im Gefängnis auch durchhaltbar ist. FRAGE DEINEN ANWALT, DEINE ANWÄLTIN, WIE DU RUHIGER WIRST! Denn dann hat der Anwalt oder die Anwältin Zeit gewonnen, die Akte zu lesen und Tatsachen zu suchen, die

  • den dringenden Tatverdacht erschüttern könnten,
  • die Haftgründe beseitigen könnten.

Die Verteidigung braucht Zeit – Wenn Du Deine Ruhe bewahrst, hilft ihr das!

 

Ein vierter wichtiger Punkt ist, den ich gelernt habe:

Wie verhält man sich eigentlich als Verteidiger, wenn man merkt, dass der inhaftierte Mandant alles zu verlieren hat und dabei ist, sich selbst aufzugeben?

Zum Thema Suizid gibt es einen sehr lesenswerten Blogeintrag von Strafverteidiger Carsten R. Hoenig „Der rote Punkt an der Zellentür“ und von Dr. Katharina Bennefeld-Kersten Suizide von Gefangenen .

 

Als Fünftes und letztes ist zu lernen:

Verteidigerbriefe dürfen nicht geöffnet werden!

Als Verteidigung darf man dem inhaftierten Mandanten grundsätzlich alles per Post schicken, was im Zusammenhang mit der Verteidigung steht. Das steht in § 148 StPO. Dazu zählen auch Briefe von dritten Personen – zum Beispiel auch eines Opfers.Das Schmuggeln von unerlaubten Briefen oder anderen Waren ist jedoch verboten. Insbesondere auch für den Anwalt oder die Anwältin. Dafür kann man sogar ein Bußgeld bekommen, sagt § 115 OWiG.

Nicht alles, was im Brief eines Verteidigers steckt, ist auch kontrollfreie Verteidigerpost!

Denn oftmals scheint es dem Mandanten sehr verlockend, den Brief an die Freundin in einem Brief an seinen Strafverteidiger mitzusenden. Würde der Anwalt diesen Brief nun weiterleiten, wäre das ein Umgehen der Postkontrolle.

Fazit ist, dass man den Mandanten genau über seine Rechte in der Untersuchungshaft belehren muss, um Unannehmlichkeiten zu vermeiden.

 

Hier gibt es auch einen guten Ratgeber von Rechtsanwalt Dr. Malek zum Download

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