Guck mal, wer da spricht. Oder – The Voice of Wittgenstein

vom Deine Meinung?Rubrik: Sprache

Sprache bedeutet die Möglichkeit des Menschen durch das Sprechen sich auszudrücken.

Aber was ist Sprache eigentlich?

definiert als angeborene artspezifische Fähigkeit des Menschen:

  • als strukturiertes System von Zeichen,
  • das Laut und Bedeutung in Beziehung setzt,
  • als Werkzeug und prägendes Element des Denkens,
  • als Form menschlichen Erfahrung und Welterfassung,
  • als Kommunikations- und Verständigungsmittel,
  • als Menge von erlernten Gewohnheiten, auf Reize der Umwelt angemessen zu reagieren,
  • als soziale Institution,
  • als System von Mustern oder Regeln sozialen Handelns,
  • als Voraussetzung und Form von Geschichte, Kultur und Kunst,

Es ist viel einfacher: Sprache ist eine Waffe! (K.Tucholsky)

Vorbereitung der Hauptverhandlung

Nehmen wir mal den Tractatus Logicus von Ludwig Wittgenstein aus dem Jahre 1918. Er schreibt dort:

1.1. Die Welt ist alles, was der Fall ist.

1.11. Die Welt ist durch Tatsachen bestimmt und dadurch, dass es alle Tatsachen sind.

Dann geht er logisch zurück auf den Fall:

1.12. Denn, die Gesamtheit der Tatsachen bestimmt, was der Fall ist und auch, was alles nicht der Fall ist.

1.13. Die Tatsachen im logischen Raum sind die Welt.

und zuletzt:

1.14. Die Welt zerfällt in Tatsachen.

Als Strafverteidigerin gehört Logik zu meinen Beruf und die Tatsachen sind das, worum es sich im Gerichtssaal dreht. Es gilt dort Sachverhalte zu ermitteln, die nachvollziehbar, somit logisch sind. Auch dazu sagt der gute Herr Wittgenstein im Jahre 1918 etwas:

2.0272. Die Konfiguration der Gegenstände bildet den Sachverhalt.

2.06. Das Bestehen und Nichtbestehen von Sachverhalten ist die Wirklichkeit.

Warum ist ausgerechnet die Sprache so wichtig in einem Strafverfahren?

Sie gehört zum wichtigsten menschenrechtlichen Grundsatz der Europäischen Menschenrechtskonvention. Der Bundesgerichtshof sagte dazu Folgendes (Beschluss vom 10.07.2014, 3 StR 262/14):

„Allerdings hatte der Angeklagte nach Art. 6 Abs. 3 Buchst. a) MRK das Recht, innerhalb möglichst kurzer Frist in einer ihm verständlichen Sprache in allen Einzelheiten über Art und Grund der gegen ihn erhobenen Beschuldigung unterrichtet zu werden. Dieses Recht beinhaltet für den der deutschen Sprache nicht hinreichend mächtigen Beschuldigten grundsätzlich die Übersendung einer Übersetzung der Anklageschrift in einer für ihn verständlichen Sprache; dies hat in aller Regel schon vor der Hauptverhandlung zu geschehen.“

und weiter

„Geht es um die Übersetzung der Anklageschrift, ist die Verfahrenslage aber eine andere, weil durch die Mitteilung der Anklageschrift gerade die durch Art. 6 Abs. 3 Buchst. a) MRK gewährleistete Information des Beschuldigten über den Tatvorwurf „in allen Einzelheiten“ bewirkt werden soll. Auch die Erklärungsrechte des § 201 Abs. 1 Satz 1 StPO werden möglicher-weise beschnitten, wenn der Angeschuldigte über den Anklagevorwurf nicht umfassend und zeitnah unterrichtet wird. Verstehen in einem Prozess ist ein Menschenrecht!

Es geht also im Strafverfahren auch um

  • Verständliche Mitteilung der Vorwürfe
  • Information des Angeklagten
  • daraus folgende Erklärungsrechte im Prozess
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Worum geht es aber in der Hauptverhandlung bei der mündlichen Kommunikation?

Es geht um

  • Überzeugen
  • Argumentieren
  • Verstehen
  • verbale Gefechte ausüben – oder sich mit einem Wort-Schwert duellieren
  • Emotionen provozieren
  • Mitteilung von Gedanken

Der Gedanke enthält die Möglichkeit der Sachlage, die er denkt. Was denkbar ist, ist auch möglich. Wir können nichts Unlogisches denken, weil wir sonst unlogisch denken müssten.(L. Wittgenstein)

Als Strafverteidiger ist es möglich, damit Emotionen zu erzeugen, wie zum Beispiel Wut, Aggression, Trauer, um Zeugen aus der Fassung bringen oder zu verunsichern.

Jetzt denken einige wahrscheinlich: Ja klar, das habe ich mir schon immer gedacht, dass Strafverteidiger bzw. Strafverteidigerinnen Zeugen nur auseinander nehmen, im Gerichtssaal herumkrakelen und den Angeklagten nur rausholen wollen.

Dies ist nur bedingt wahr! Gute Strafverteidigung muss konfliktbewusst sein und sollte Krawall in der Hauptverhandlung vermeiden. Gerichte schätzen engagierte Verteidiger und werten diese Arbeit nicht als „Angriff“.

Auch das Gericht muss des Öfteren aufgeweckt werden!

Krawallverteidigung versus Konfliktverteidigung

Jeder Strafprozess ist ein Konflikt – nämlich zwischen den staatlichen Strafverfolgungsorganen und einem Menschen, der als potentieller Täter gesehen wird. Insofern ist jede Verteidigungsarbeit, die kommunikative Bewältigung eines Konflikts.

Das Werkzeug der Strafverteidigung sind dabei die zulässigen gesetzlichen Vorschriften, vor allem auch zum Verfahren. Dazu gehört die Ausübung des Fragerechtes oder des Beweisantragsrechtes in einer Hauptverhandlung. Ob die Verteidigung einen Beweisantrag oder 200 Beweisanträge stellt, spielt dabei keine Rolle.

Strafverteidigung ist einseitige Interessenvertretung in einer Konfliktsituation

Die Strafverteidigung schafft somit gar keinen Konflikt, sondern der Anwalt bzw. die Anwältin tritt in einen schon bestehenden Konflikt hinein. Dazu habe ich mich in einem anderen Blogbeitrag auseinandergesetzt.

Was ist dann aber Krawallverteidigung?

Eine Krawallverteidigung hat nichts mit einer anwaltlich seriösen Konfliktbewältigung zu tun.

Eine Definition ist wohl eher schwer zu finden – Krawall hat womöglich etwas, mit laut, unflätig, unzulässig provozierend zu tun.

Meiner Meinung nach sind Krawallverteidiger solche, die pöbelnd am Rande eines Fußballfeldes das Spiel glauben führen zu können. Sie befinden sich jedoch nicht auf dem Spielfeld.

Treppe

Was ist nun das Fazit dieses Blogbeitrages?

Die Sprache, Gestik, das Verhalten einer Strafverteidigung im Strafprozess ist das wichtigste Handwerkszeug, was es zu erlernen gilt – und zwar ein Leben lang. Nur dann entsteht das, was mit persönlichen Stil verbunden werden kann und nur dann verhindert man, von Gerichten oder der Staatsanwaltschaft in eine Schublade gesteckt zu werden.

Es kommt im Strafprozess immer auf das Gleichgewicht zwischen der Staatsanwaltschaft, dem Gericht und der Strafverteidigung an.

Wenn ich etwas logisch und für andere denkbar erklären und mitteilen kann, dann ist es auch möglich ein Gericht zu überzeugen.

Deshalb schließe ich diesen Blogbeitrag mit Ludwig Wittgenstein:

 ‚Ein Sachverhalt ist denkbar‘ heißt: Wir können uns ein Bild von ihm machen.